Nachgefragt

Eine lose Reihe von Interviews mit Autorinnen und Autoren aus dem KaMeRu Verlag.

01/2012: Christina Casanova
02/2012: Maaike Kellenberger
03/2012: Adrian Zschokke
04/2012: Pascal Ruf
05/2012: Bianca Wortmann
06/2012: Achim Albrecht
09/2014: Edith Truninger
10/2014: Stephanie Aeby
11/2014: Tanja Kristina Sonder
06/2015: Sabine Meisel
06/2015: Fabian Schaefer
03/2016: Cornelia Kempf
05/2017: Marcel Kuoni
02/2018: Angus Alasdair
06/2018: Marc P. Sahli
07/2018: Lothar Olivet


 

Nachgefragt bei Christina Casanova

Ihr dritter Roman „Die Entscheidung“ beginnt mit der Frage: „Was treibt ihn um?“. Was treibt Christina Casanova als Autorin und als Menschen um?
Gemeinheiten treiben mich um. Dinge, die politisch inkorrekt laufen. Abgesehen davon, treibe ich mich selbst immer wieder um. Zum Beispiel, wenn ich bis spät in die Morgenstunden am Notebook sitze und meine Gedanken in die Tasten haue, die Zeit vergesse und dann am nächsten Morgen verschlafe. Solche Tage treiben mich um, dann stehe ich „neben den Schuhen“.

Eine Frage, die sich sehr wahrscheinlich jede Autorin und jeder Autor gefallen lassen muss: Wie viel von Ihnen steckt in Ihren literarischen Figuren?
Ja, das ist in der Tat eine Standartfrage! Nirgendwo anders wage ich meine unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile so explizit hochzuschrauben oder niederzuschlagen, als in meinen geschriebenen Seiten.

Über welches Thema würden Sie nie schreiben?
Sag niemals nie – das sagte schon 007.

Ihr Lieblingsphilosoph und warum?
Ich liebe Nietzsche, das hat natürlich auch mit Sils Maria und dem Seelein dort oben zu tun und damit, dass ich mit dem Werk Zarathustra bis heute beim Rezensieren von Textpassagen ein Unikum für mich geschaffen habe.

Wie wird man ein guter Mensch?
Durch die Geburt – was immer das heissen mag. Manche gebären sich einmal, andere mehrmals. Natürlich hat dieser Prozess mit Selbstpflege und -hege zu tun.

Risiko oder Sicherheit – was entspricht Ihnen mehr?
Ich sage natürlich gerne, dass ich das Risiko liebe. Müsste ich aber zu den Inuits pilgern, wäre mir das Risiko zu hoch und ich hätte Bedenken, auf dieser Expedition stecken zu bleiben und zu erfrieren.

Schenken Sie Männern Parfüm?
Nein, das mache ich nicht. Vielleicht bin ich da zu klassisch; mein Mann soll mir das Parfum schenken.

Die Eigenschaft, auf die Sie am besten bei sich verzichten könnten?
Das Talent zur Lüge sitzt dem Menschen seit Urzeiten in den Genen. Die Sprache hat geholfen, es zu perfektionieren. Zwar gibt der Mensch zumindest vor, die Wahrheit zu lieben, aber er mag sich nicht immer daran halten. Diese Neigung wohnt auch in mir inne und ich versuche, mich nicht täglich zu belügen.

Zu Beginn des neuen Jahres zieht man gerne Bilanz über das vergangene Jahr. War 2011 für Sie ein „Annus mirabilis“ oder eher ein „Annus horribilis“?
Das Jahr 2011 bleibt mir in guter Erinnerung, sogar in sehr guter: Ich habe meinen ärgsten Feind nicht um die Ecke gebracht, habe nicht an der Börse verloren, habe kein Gramm zugenommen und habe mir bisweilen des Abends gerne ein Glas Rotwein gegönnt.

Wer oder was wird für Sie 2012 besonders wichtig werden?
Ich wage es, als dreiundfünfzigjährige Blondine am New Yorker Marathon im November 2012 teilzunehmen.

Januar 2012


Nachgefragt bei Maaike Kellenberger

Sind Sie manchmal voller Zorn und falls ja, was machen Sie dagegen?
Manchmal? … Ich rede. Mit mir selbst. Führe zynische Monologe oder – wenn sich jemand findet – belaste diesen mit den Gründen meines Zorns (diese Varianten schliessen sich keineswegs aus). Oft tut das schon sehr gut. Dann gibt’s eine wunderbare weitere Möglichkeit: Schreiben. Leiden lassen.

„Rache ist die Speise, die man kalt am besten geniesst“ – stimmt es?
Wenn mich eine meiner Figuren fragen würde, wie es sich am besten rächt, würde ich wohl antworten: „Kalt!“ Die Planung der Rache beinhaltet auch weniger Fehler, wenn nicht „heiss zubereitet“. Grundsätzlich wär mein Tipp aber, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen, dass man sich im Nachhinein rächen muss. Verschwendete Energie.

Was wollen Sie noch erreichen?
Ich möchte in meiner eigenen Welt des Schreibens Fuss fassen.

Zahlt es sich aus, gut zu sein?
Woher soll ich das wissen?

Wie verkraften Sie Kritik?
Nicht besonders gut. Gerade nicht, wenn sie nicht konstruktiv ist. Ich versuche Kritik zu verkraften, indem ich zuerst (für mich, versteht sich) erkläre, warum sie unangebracht ist; nur um später zu erkennen, dass der oder die Kritisierende wohl nicht ganz unrecht hatte. (Am Prozess arbeite ich noch.) Auch lerne ich immer besser, so zu tun, als verkraftete ich sie.

Haben Sie Verständnis für Neider?
Der Mensch hat die unglaubliche Fähigkeit, auf alles Mögliche neidisch und damit stets sehr unzufrieden zu sein. Also ja, ich habe Verständnis für Neider. Ich selbst beneide manchmal auch einfach drauf los, ohne grossartig darüber nachzudenken.

Fehlen Ihnen auch manchmal Worte?
Nur, wenn ich schreiben sollte. Sonst eigentlich sehr selten. Die Frage nach der Qualität der Worte bleibt hierbei offen…

„Quid est veritas?“ – „Was ist die Wahrheit?“, fragte schon Pilatus.
Ein Problem der Definition.

Welche Vorschriften sind Ihnen privat zuwider?
Das ist sehr situationsabhängig. Das Rauchverbot ist mir in diversen Bars, so liesse es sich bezeichnen, „zuwider“. Warte noch auf das Mehlverbot für Bäckereien.

Woran glauben Sie?
An Wissen. Und daran, dass wenn es Götter gibt, dies für uns nicht gerade das Glück bedeutet. Sie scheinen grosse Freunde der Ironie zu sein.

Februar 2012


Nachgefragt bei Adrian Zschokke

Sie sind Krimiautor und Filmemacher, der oft mit den Grenzen des Menschlichen konfrontiert wird. Glauben Sie, dass es das Böse gibt?
Ich bin überzeugt, dass es das Böse gibt. Es ist ein Thema, das mich schon lange beschäftigt, worüber ich einen Dokumentarfilm machen will. Es steckt in jedem von uns und ist auf eine mir unverständliche Weise mit dem Guten verbunden. Es genügt, sonst liebenswerte Kinder zu beobachten, die Insekten die Beine ausreissen. Die Verkündigung der „frohen Botschaft“ bei den Ureinwohnern Südamerikas über die liebevoll gepflegten Schrebergärten der Familienväter und Nazischergen bis zu der Foltergedenkstätte der Roten Khmer in Kambodscha zeigt, wie janusköpfig das Böse ist. Für mich, einen „Linken und Netten“, ist die zynische Diktatur des ehemaligen Befreiers Mugabe ein Mahnmal – und Mandela, der in seiner Autobiographie erzählt, welch ein übler Schläger er in seiner Jugend war, ein Held per se. Die „starke Hand“ des Vaters mit strikter Moral kann – ähnlich wie eine antiautoritäre Erziehung – Kinder zu Monstern machen. Und genau dies ist wohl die spannendste Herausforderung für einen (Krimi)Autor, wenn es um das Böse geht – diese Diskrepanz fruchtbar zu nutzen.

Wo treffen sich die Literatur und der Film?
Ich erlebte es ein, zwei Mal, dass ich einen Film sah und glaubte, den schon zu kennen, bis mir bewusst wurde, dass ich das Buch gelesen hatte, das als Vorlage für den Film diente – so beispielsweise bei „Blade Runner“, das auf einer Kurzgeschichte von Dick fusst basiert, die ich mal gelesen hatte und die einen ganz andern Titel trägt. Offenbar traf ich hier auf Bilder, die meinem „inneren“ Kino nahe kamen. Häufiger noch passiert es, dass ich mit jemandem über einen Film spreche, bis mein Gegenüber mich darauf hinweist, dass wir uns eigentlich über ein Buch unterhalten, das noch gar nicht verfilmt wurde. Gute Literatur und gute Filme evozieren präzise Stimmungen. An diesem Punkt treffen sich die beiden künstlerischen Formen.

Der berühmte Filmkomponist Williams stellte die folgende philosophische Frage: „Was hören wir, wenn wir sehen und was sehen wir, wenn wir hören?“ Wie sehen Sie das?
Ich las in einem Roman eine Szene, in welcher sich zwei Verliebte über „Prélude à l’après midi d’un faune“ unterhielten. Als ich später im Radio das Stück hörte, wusste ich sofort – ohne dass der Name des Musikstücks genannt wurde –, dass es sich um diese Prélude handelt. Dank einer Szene, von der ich nicht einmal mehr weiss, aus welchem Roman sie stammt, gehört diese Musik bis heute zu meinen Lieblingsstücken.

Was ist das höchste Gut im menschlichen Leben?
Die Liebe.

Einstein sagte: „Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Hassen und Zerstören.“ Können Sie dem als Krimiautor zustimmen?
Die Lust an Zerstörung… Das knüpft vielleicht an die erste Frage an. Mir scheint jedenfalls, dass die Zerstörung der Werte unserer Eltern eine der wichtigsten gesellschaftlichen Triebkräfte ist. Und der Hass auf Menschen, die meine Projekte ablehnen, ist zwar vorhanden, verfliegt zum Glück rasch… Ein Bedürfnis allerdings scheint er mir nicht zu sein.

Was ist das Geheimnis erfolgreicher Menschen?
Die alten Griechen sagten: „Erkenne dich selbst.“ Wer das kann, ruht in sich und ist, – meiner Meinung nach – reich. Ob er auch erfolgreich ist, ist zweitrangig.

Wann ist es Ihnen langweilig?
Häufig an Pressekonferenzen von Grosskonzernen.

Was schätzen Sie an unserer Zeit?
Das Internet.

Mit wem würden Sie gern einen Tag/eine Nacht verbringen?
Mit Elmore Leonard den Tag, die Nacht… darüber schweigt des Sängers Höflichkeit.

Was ist Glück?
Im Bett einen guten Krimi zu lesen.

März 2012


Nachgefragt bei Pascal Ruf

Die Frage aller Fragen: „Wann ist ein Mann ein Mann?“
Die Frage aller Fragen auf die ich keine Antwort habe. Die Lösung liegt meiner Meinung nach heutzutage wohl eher im simplen Mann-Sein und nicht im Nacheifern eines Rollenbildes.

Und wann ist ein Mann ein Autor?
Jeder Mensch ist ein Künstler, ein Autor jedoch wohl erst wenn sein Werk veröffentlich wurde.

Der amerikanische Psychotherapeut Erving Polster meinte: „Jedes Menschen Leben ist einen Roman wert“ – glauben Sie es auch?
Ich denke das Leben ist als Ansammlung von Emotionen, Tätigkeiten und Ereignissen zu vielfältig, als dass man auch nur eines davon als nicht erwähnenswert einstufen könnte.

Was spielt in Ihrem „Lebensroman“ eine besondere Rolle?
Neben den Menschen um mich herum wohl die Möglichkeit, neugierig zu sein und alles hinterfragen zu können, was mich umtreibt.

Sie studieren Rechtswissenschaft. Wird es vielleicht irgendwann mal einen typischen „Gerichtsthriller“ von Ihnen geben?
Jeder Autor wird von seinem Umfeld beeinflusst, somit ist es durchaus möglich. Um jedoch John Grisham nahe kommen zu können, werde ich wohl noch viele Gerichtssäle von innen sehen müssen.

Wie wichtig ist Ihnen die Möglichkeit, einmal allein zu sein, sich zurückzuziehen?
Sehr wichtig, ohne mich vom Lärm der Welt ausklinken zu können, könnte ich meine Gedanken nie ordnen und hätte wohl auch mein erstes Werk nie vollendet.

Wem würden Sie gerne ganz unverblümt die Meinung sagen?
Dem Papst.

Was möchten Sie auf keinen Fall im Leben missen?
Meine Familie und Freunde.

Glauben Sie, dass man im Leben schliesslich das bekommt, was man verdient?
Ich denke keine Aktion bleibt ohne Reaktion, so klein sie auch sein mag. Ob man diese Reaktion verdient hat oder nicht, liegt im Auge des Betrachters.

Wie möchten Sie im Alter leben?
Als glücklicher Mann, der ohne Reue an die Vergangenheit denken kann.

April 2012


Nachgefragt bei Bianca Wortmann

Was ist das Spannendste am Schreiben?
Eindeutig die Dynamik, wenn aus einer groben Idee allmählich eine Geschichte wird, die zu leben anfängt und mich als Autorin nicht mehr los lässt. Es ist auch immer ganz spannend zu beobachten, wie sich die Charaktere entwickeln (die manchmal durchaus ein Eigenleben besitzen) und neue Charaktere, die man noch gar nicht auf dem Bildschirm hatte, kennenzulernen.

Wo finden Sie Ihre Inspiration?
Eigentlich überall, daher habe ich immer einen Block und einen Bleistift dabei. Hauptsächlich hilft mir aber die Musik – von Klassik bis Heavy Metal – ist alles dabei. Davon lasse ich mich inspirieren.

Wer ist Ihr persönlicher Held?
Na ja … wenn ich ehrlich bin hat sich da in den letzten zwanzig Jahren nicht viel getan. Nach wie vor: Old Shatterhand.

Ihr Lieblingsbuch?
Da gibt es eigentlich eine ganze Reihe Bücher, die ich als „Lieblingsbuch“ einstufen würde. Aber wenn ich eines herauspicken muss, dann ganz eindeutig „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien.

Verspüren Sie Erfolgsdruck und wie gehen Sie damit um?
Nein, Erfolgsdruck spüre ich (noch) nicht.

Sind Sie ein ungeduldiger Mensch?
Oh ja! Aber ich bessere mich langsam. Zu langsam.

Was ist Schönheit?
Ein rein subjektives Empfinden. Ich halte es da mit Epicharm: „Für den Esel ist die Eselin das Schönste.“

Woran sind Sie besonders stolz?
Im Moment definitiv auf mein Zeitmanagement! Vollzeitjob, Diplomarbeit und Schreiben unter einen Hut zu bekommen ist nicht immer leicht.

Welche Kunst schmückt Ihr Zuhause?
Wundervolle Fotografien, die eine Freundin gemacht hat. Und ein Magritte, leider kein Echter.

Ein absolutes No-go?
Ein Morgen ohne mindestens zwei Tassen Kaffee. So kann der Tag nicht gut werden.

Mai 2012


Nachgefragt bei Achim Albrecht

Wann haben Sie Ihren Namen erstmals gedruckt gesehen?
Als ich mit Ende zwanzig meinen ersten wissenschaftlichen Aufsatz veröffentlichte.

Hätten Sie lieber früher gelebt?
Im Zeitalter der Aufklärung, als die Welt und was sie antreibt eine andere Deutung erfuhr.

Wer ist Ihr immerwährender Held?
Der Held meine Jugendjahre Kara Ben Nemsi Effendi, der mich neugierig auf die Welt machte.

Erzählen Sie etwas über Ihr Schreiben.
Schreiben ist für mich Flucht, Zuflucht, Handwerk und Ventil für Kreativität. Unverzichtbar.

Was ist am längsten in Ihrem Besitz?
Eine kleine goldene Christophorus Medaille, die mir meine sehr gläubige Grossmutter gab.

Womit verplempern Sie gerne die Zeit?
Mit lesen, reflektieren, recherchieren oder mit Sport und einem gelegentlichen Konzertbesuch.

Wie definieren Sie als Jurist die Wahrheit?
Als Jurist weiss ich, dass viele subjektive Wahrheiten existieren und sich daher „Wahrheit“ einem Absolutheitsanspruch entzieht.

Welche exzentrische Marotte wollen Sie im Alter kultivieren?
Weiterhin in Turnschuhen, Jeans und Kapuzenpulli zu offiziellen Anlässen erscheinen.

Was fällt Ihnen zu „to be or not to be“ ein?
Gelebte Toleranz und Flexibilität im Alltag stellen selten vor die Alternative „to be or not to be“.

Woran arbeiten Sie gegenwärtig?
An mehreren wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Kurzgeschichten zum ewigen Thema „Liebe“.

Juni 2012


Nachgefragt bei Edith Truninger

Was verstehen Sie unter dem wahren Leben?
Eine Aufgabe haben oder etwas zu seiner Aufgabe machen, viel gute Arbeit, Kreativität und Austausch. Humor.

Was bedeutet das Schreiben für Sie?
Das wahre Leben.

Sind Sie abergläubisch?
Nein. Aber ich glaube an Verhaltensmuster, die sich in einer Familie von Generation zu Generation übertragen können.

Pflegen Sie irgendwelche Rituale?
Ich schreibe meistens am Nachmittag, dazu trinke ich Tee. Wenn ich Kaffeebohnen nachfülle, muss ich immer an der leeren Verpackung riechen.

Sind Sie nett zu sich selbst?
Im Nettsein habe ich viel Erfahrung. Immer öfter bin ich vor allem nett zu mir selbst und weniger zu den anderen. Und es gefällt mir!

Welches Land möchten Sie unbedingt bereisen?
Jordanien.

Wovor haben Sie Angst?
Vor Einsamkeit und Tod.

Welche ist Ihre Lieblingsjahreszeit?
Wenn ich vergesse, wie es ist, Socken zu tragen oder wie sich Regen anfühlt. Wenn ich nie frieren muss und jeden Tag ein Kleid tragen kann.

Wann haben Sie das letzte Mal geweint?
Als ich meine 90-jährige Grossmutter besucht habe. Nichts rührt mich mehr als ihr Dasein.

Worüber möchten Sie noch unbedingt schreiben?
Über (Selbst-)Ausbeutung.

September 2014


Nachgefragt bei Stephanie Aeby

Wie buchstabieren Sie Glück?
Gelassenheit, Liebe, Überschwang, Cash :-), Klarheit

Wie nutzen Sie einen freien Tag mit Regen vor dem Fenster?
Ich mache mit meinem Mann einen Regenspaziergang, lese ein Buch, tanze (allein) im Wohnzimmer und koche ein mediterranes Menu.

Wie definieren Sie den Alltag?
Seit meiner Auszeit als „Alles, was der Tag bringt“.

Was würden Sie in einem Liebesbrief an sich selbst schreiben?
„Ich möchte gerne mit Dir alt werden.“

Hatten Sie je Angst, etwas zu verpassen?
Ja. Das Leben.

Alter, kein Grund zur Panik?
Nein. Der Mensch ist unglaublich anpassungsfähig, was von der jüngeren Generation oft unterschätzt wird.

Die dämlichste aller Fragen: Was würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
…Und die dämlichste aller Antworten: Ein Paddelboot.

Ist Rache wirklich süss?
Vielleicht in den ersten drei Minuten. Danach wird sie schal und schliesslich bleibt nur ein bitterer Nachgeschmack…

Woran denken Sie, wenn Sie »Goethe« hören?
Dass ich mich seit meiner Schulzeit mit den Klassikern leider nicht mehr ernsthaft befasst habe.

Sollte unsere Welt weiblicher werden?
Wenn „weiblich“ gleichgesetzt wird mit „sozial, zuversichtlich, anpackend, mitfühlend, weitsichtig und humorvoll“, dann ja.

Und eine Zusatzfrage von dem Verlagskater Jethro: Haben Sie den Kater Arnie in Ihrem Roman „Bevor es Abend wird“ nach dem Vorbild von Ihrem Kater Gari gestaltet?
Aber ja! Mit „Arnie“ habe ich unserem betagten Kater ein würdiges Denkmal gesetzt. Wenn Gari lesen könnte, wäre er bestimmt stolz auf sein Alter Ego im Roman.

Oktober 2014


Nachgefragt bei Tanja Kristina Sonder

Blicken Sie gerne zurück?
Das hängt ganz davon ab, wer oder was hinter mir steht.

Was beruhigt Sie?
Mein Pferd, die Natur, isländische und keltische Musik – und das Schreiben.

Und was beunruhigt Sie?
Einen Satz im Kopf zu haben, aber keine Gelegenheit, ihn aufzuschreiben. Und leere Züge zur Hauptverkehrszeit.

Wann schweben Sie auf Wolke Sieben?
Im Moment? Wenn eine Arbeit endlich fertig ist und die Prüfungen noch in weiter Ferne liegen. Nicht sehr romantisch, der Unialltag.

Was fällt Ihnen zum Thema „Macho“ ein?
Wenn man das „o“ streicht, entsteht ein Imperativ, der wunderbar zur nächsten Frage überleitet.

Kann man diese Welt verbessern und wie?
Ich hoffe es, und bisher habe ich den Glauben daran noch nicht verloren. Wie das geht? Wahrscheinlich, indem jeder bei sich anfängt. Habe ich heute jemanden angelächelt oder grimmig auf meine Füsse gestarrt? War mein Frühstücksei aus Freilandhaltung? War ich freundlich zu meinen Mitmenschen oder gehässig, obwohl niemand etwas für meine Kopfschmerzen kann? Habe ich den Wasserhahn während dem Zähneputzen abgedreht? Konnte ich mich mit jemandem freuen oder missgönnte ich ihr/ihm den Erfolg? Habe ich mir heute etwas Gutes getan? Ich denke, es sind die kleinen Fragen, um die wir uns kümmern sollten, bevor wir uns zusammentun und vielleicht Grosses bewirken können. Da fällt mir ein Zitat aus Lord of the Rings ein: „Let us together rebuild this world that we may share in the days of peace“.

Aristoteles oder Nietzsche?
Keine leichte Entscheidung. Aber eine leichte Tendenz zu Nietzsche kann ich nicht leugnen; seine Sprache liest sich einfach schöner.

Shakespeare oder Ibsen?
Ibsen zur Zeit. Nicht nur, aber auch aufgrund des Skandinavistikstudiums.

Wie sieht es aus, wenn Sie wütend sind?
Schwer zu sagen – ich schaue dann jeweils nicht in den Spiegel.

Wann dürfen wir uns auf Ihr nächstes Buch freuen?
Freuen dürfen Sie sich schon jetzt – wie lange es dauert, bis aus dem ‚darauf‘ ein ‚darüber‘ wird, ist eine andere Frage.

November 2014


Nachgefragt bei Sabine Meisel

Beschreiben Sie sich in drei kurzen Sätzen.
Ich bin eine Erzählerin, spüre Stimmungen. Intensiv und intensiv empfindend. Kämpferin, wenn mir etwas wirklich wichtig ist.

Was lieben Sie, was hassen Sie?
Ich hasse Schubladendenken, Kleinkariertheit, Gewalt und rohe Zwiebeln. Ich liebe Freiheit, Lebensgeschichten, Schauspielen und Gummibärchen.

Warum schreiben Sie?
Weil ich nicht anders kann, die Geschichten müssen aus dem Kopf spazieren.

Neben Ihrem eigenen Buch, das 2016 erscheint, und neben den Anthologien, bei denen Sie mitgewirkt haben: Ihr heissester Buchtipp für die Sommermonate?
Edith Truningers Novelle „Hibiskus Corner“. Für Reisende und  Fantasiereisende, sinnlich – philosophisch. Eben habe ich Judith Hermanns „Aller Liebe Anfang“ gelesen. „Sonnenlicht fängt sich in den Speichen, wird davongeschleudert“– diese Bewegung des Lichts,  den Satz liebe ich.

„Bücher sprechen ungelesen“ sagte Karl Wolfskehl. Was sagen Sie dazu?
Das wäre genial, wenn der Inhalt vom Buch direkt in meinen Kopf gelangen könnte, einfach mit einem Blick. Wolfskehls Liebe zum Buch kann ich nachempfinden. Es wäre interessant, was er jetzt zu den Hörbüchern und E-Books  sagen würde, vielleicht schreibe ich mal ein fiktives Interview mit ihm, reizt mich diese Aufgabe…

Wann haben Sie angefangen zu schreiben?
Mit sechs hackten zwei Finger auf der Reiseschreibmaschine meines Vaters  herum, um mir meine schrecklichen Erlebnisse in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik runterzuschreiben. Als die „älteste“ Patientin im Zimmer (5 Jahre alt!) kam ich als letztes Kind an die Reihe, der Operateur empfing mich mit blutbespritztem Kittel, klemmte mich einem wildfremden Mann auf den Schoss (damals war ich noch schüchtern). Ausserdem hielt die  Äthernarkose nicht bis zum Schluss, ich spürte noch das letzte schreckliche Zerren und blickte in eine Schale mit blutigen Klöpsen, meinen Mandeln. Ich heulte stundenlang, erbrach Blut, meine Eltern durften nicht zu mir kommen und ich hörte nur „ich solle mich nicht so anstellen, alle wären lieb, nur ich nicht.“ Leider ist der Text verloren gegangen, und „lieb“ bin ich seitdem erst recht nicht.

Was haben Ihre Texte, was andere nicht haben?
Ich habe Mut, wie eine „Bachforelle überspringe ich Schwierigkeiten“ (versuche es) – so hat eine Bekannte meine Texte beschrieben und ich hoffe, es stimmt.

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Am liebsten schreibe ich im Bett, ich stolpere um 6 Uhr in die Küche, mache mir den einzigen Kaffee des Tages und meinen Früchteporridge, lese Zeitung, schreibe mich mit der Morgenseite warm. Danach geht’s richtig los, unterstützt von einem  Pott Grüntee. Das Bett ist der Ort, wo ich am liebsten lese. Dort bin ich am wenigsten abgelenkt (morgens zumindest). Ab Mittag gehöre ich der Welt…

Was fällt Ihnen bei dem Ausdruck „morgen“ ein?
Dazu sage ich: Lieber jetzt! Das ist unsere Hauptvorstellung, nicht die Probe …

Wer oder was ist für Sie wirklich wichtig?
Freundschaft, Neugier auf Begegnung. Menschen und ihre Entwicklungen. Die Liebe als Krönung.

Juni 2015


Nachgefragt bei Fabian Schaefer

Was verstehen Sie unter einer Heldentat?
Im Strom der zwangsläufigen, mitreissenden, wie unbeeinflussbar wirkenden Entwicklung der Masse mit Ideen und Taten, die zueinanderpassen, durch eigenen Einsatz DOCH Dinge bewirken, die dem Denken, Sein und Fühlen der Menschen und all dem, was uns umgibt, helfen. So weit heraus Zeichen setzen, andere mitbewegen, hin zu einer in der Richtung geschärften und vorangehenden Welt zwischen Natur und Mensch, Atmen und Spiel, Jetzt und Zukunft.

Welchen Tag möchten Sie noch einmal erleben?
Alle Tage machen mich zu demjenigen, der ich bin. Die traurigsten, zuerst. Die schönen, danach. Den Unterschied spüren. Vielleicht darf man aber auch neue Wege in den Entscheidungen noch einmal ausprobieren? Das wäre spannend: jeden Tag neu zu verändern.

Was fällt Ihnen zu Shakespeare ein?
– Basis, Fundament, Leitstern; bildgewaltiger Stürmer und leiser Poet
– Bei all den Königen geht es nicht um den König, sondern um uns, mit allem Gegensätzlichen von uns: aufopferungsvoll liebend / eifersüchtig; ehrenvoll / machtgierig mordend; ausgelassen, magisch verwandelt / vor der Hinrichtung oder sterbend im Schwert
– Geschichten aufbauen und erzählen können, alles zu verwickeln, sich dabei aber nicht „französisch“ allzu sehr im Schema zu bewegen, den Personen mit Worten ein Scheinwerferlicht zu bauen, auch Abwesendes im Bericht lebhaft erzählen, um den Fortgang zu beschleunigen
– Zeitlos wie Glas, frisch, und daher ohne ehrwürdige Scheu zu lesen (d.h. mit Spass zu entdecken); warum nicht ein Einstieg z.B. mit Filmen: „The Tempest“ von D. Jarman oder „Macbeth“ von R. Polanski
– Elisabeth I, the Virgin Queen restoring Britannia
– Ich habe die Sonette immer noch nicht gelesen.

Wie würde Ihre Biographie heissen?
Heute erst sehe ich sie überhaupt verschwommen als solche, zumindest habe ich mich entwickelt, jedes war zumindest ja ein Stoss für das Nächste… Haben die Tatsachen meiner Jahre irgendeinen Sinn, ein Zusammenhang? Ich schwanke noch. Es ist vielleicht etwas gar anmassend. Alles sind Bruchstücke, alles ist offen. Ein Titel? Vielleicht nur neutral „Auch unterwegs“? Oder von der Sehnsucht jedes Menschen sprechend? Ich hoffe in jedem Fall, es stehen noch ganz viele neue Sachen in ihr, bis sie geschrieben wird, oder doch im Gedächtnis einiger Liebender komplett wäre.

Was sollte auf Ihrem Grabstein stehen?
Vermutlich leiten sich meine Gedanken hierzu aus denjenigen zur vierten Frage ab. Obwohl ich zum Fortgang / Jenseits nicht sicher bin.

Wie, wo und wann schreiben Sie?
Ein Gedanke findet eine Form, spielerisch, oder eine Handlung, die sich aus ihm spinnt. Und noch weitere treten hinzu. Dann kommt Struktur (vielleicht auch die Struktur, keine zu haben), ein Auffalten, „es angehen“, das ist kein Zwang. Und der Klang treibt manchmal den Inhalt derweil die ganze Zeit voran. „ICH“ sitze am Tisch, umgeben von all den kleinen und grossen Werken in ihren Regalen, die mir Ideen schicken, Knoten binden, klirren. Und Bilder, aus dem Fenster gesehen und an den Wänden, auch die sprechen. Und die Erinnerung, und die Wünsche und Träume.

Was verstehen Sie unter dem „ganz grossen Gefühl“?
Als „Mensch“: Verzauberung, ein Augenblick, der in sich verlangsamt, ein Sinn, der sich fügt, eine Offenbarung, der man sich sicher ist, die meist dabei doch unbestimmt und eigentlich unbeschreibbar bleibt. Licht, ein Glänzen. Sich passgenau formende Worte, Blicke, Einvernehmen, Nähe von Körpern in Geist.

Als Schriftsteller: Eine der grössten Herausforderungen beim Schreiben … Pathos und Cliché gilt es radikal zu zerstören, sie beleidigen das Gefühl, entweihen den Zauber. Es muss vollkommen schlicht daherkommen, indirekt, flüchtig. Man muss alles aus dem Weg räumen. Ich kämpfe hier mit meinen Texten, schleife sie immer wieder ab.

Wer ist Ihr Lieblingsphilosoph?
Kant für die Zusammenfassung zur Vernunft (eigentlich so nah an den Menschen), Descartes für das abgemagert sterbende Pferd, Luhmann für das Konstruieren, Camus für die rollenden Steine (das Glück als moderner Mensch) und Platon für die Idee mit der Höhle … (nicht meine stärkste Seite bisher, die Philosophie…).

Wann haben Sie das letzte Mal geweint?
Immer wieder, wenn es passt, nicht zu oft. Also kein Ausnahmezustand, daher erinnere ich mich nicht. Gute Szenarien in Filmen, Büchern („gute“: s. Teil 2 in der siebten Frage zum „ganz grossen Gefühl“, oben), aber am anderen Ende dann auch Verletzungen, Verlust, Sterben. Tränen gehören dazu wie das Lachen. Gut, dass ich (wie hoffentlich die meisten) gewisse althergebrachte, erzieherische und gruppendynamische Unterdrückungszwänge nicht bedienen muss.

Was machen Sie, nachdem Sie diese Fragen beantwortet haben?
Meine Partnerin kommt aus Lausanne zurück, und wir feiern endlich gebührend das Erscheinen meines Buchs „Aus der Erstarrung“ – das klingt hier und jetzt wie plumpste Werbung, ist aber tatsächlich so der Fall! Für etwas Sport in der Sonne reicht es jetzt nicht mehr.

Juni 2015


Nachgefragt bei Cornelia Kempf

Was tun Sie als Erstes, wenn Sie nach Hause kommen?
Zuerst ganz bequeme Sachen anziehen, den anstrengenden Arbeitstag hinter mir lassen und den Kopf freibekommen.

In Ihren Romanen gestalten Sie viele verschiedene Charaktere, die immer sehr glaubwürdig wirken. Wie würden Sie sich selbst mit drei Worten charakterisieren?
Nur drei? Das wird schwer, aber definitiv: eigensinnig, grüblerisch, gerechtigkeitsliebend.

Gibt es etwas, was Sie in Schrecken versetzt?
Bis jetzt nichts.

Haben Sie einen festen Platz, an dem Sie schreiben?
Meine Ottomane, das Notebook auf dem Schoss.

Wann schreiben Sie: tags oder nachts?
Zumeist in den frühen Abendstunden, aber wenn mich ein Kapitel nicht loslässt kann es auch die ganze Nacht durchgehen.

Wie kommen Sie auf Ihre Romanthemen?
Ich lasse mich durch Dokumentationen inspirieren, vertiefe mich gerne in Biographien historischer Persönlichkeiten und natürlich durch das Lesen anderer Romane.

War Ihnen schon mal ein Stoff zu heiss?
Ja! Die Liebesgeschichte in „Die Gärten von Damaskus“. Ich habe sie aber trotzdem genauso geschrieben.

Haben Sie literarische Vorbilder?
Keine Vorbilder. Ich achte die Arbeit aller Autoren, aber möchte meinen eigenen Stil wahren, diesen mit jedem Manuskript weiterentwickeln und verbessern.

Waren Sie schon mal wirklich in Gefahr?
Mein Schutzengel ist gut trainiert, denn ich hatte in meinem Leben schon ein paar Unfälle, die nicht ganz harmlos waren. Meine rechte Körperhälfte kann dann davon Zeugnis ablegen.

Was ist Ihr Lebensmotto?
Egal was das Leben für dich bereithält, versuche immer deine Kreativität zu behalten.

März 2016


Nachgefragt bei Marcel Kuoni

Was verstehen Sie unter Abenteuer?
Für mich ist Abenteuer – ganz klassisch – mit neuen Ideen und dem Weg ins (teilweise) Unbekannte verbunden. Und natürlich gehören dazu auch Mut und Nervenkitzel. Und die Vorbereitung darauf.

Wovor haben Sie Angst und muss man Angst vor Ihnen haben?
Vor mir braucht man keine Angst zu haben. Ich bin ein friedfertiger Mensch, der das Miteinander dem Gegeneinander vorzieht. Angst habe ich vielleicht vor einem einschneidenden Erlebnis, das man nicht vorhersehen kann, wie beispielsweise eine Krankheit oder ein Unfall.

Definieren Sie „paradiesisch“.
Für mich ist meine Heimat das Paradies. Der Ort, an dem man sich wohlfühlt, an dem man Freude und Freunde hat. Paradiesisch hat für mich auch eine zeitliche Komponente: man lässt sich an diesem Ort nieder. Damit der Ort paradiesisch bleibt, muss man dazu auch etwas beitragen, man muss sich engagieren.

Welchen Roman hätten Sie gern geschrieben?
Ich habe meinen ersten Kriminalroman Tannenrauschen fertig geschrieben und schreibe nun am zweiten Roman. Ich würde mir nie anmassen, gern einen anderen Roman geschrieben zu haben. Dazu sind die Gedanken, der Stil und der Beweggrund zwischen mir und dem jeweiligen Schreiber zu unterschiedlich. Es gibt jedoch einige Romane, dich ich noch lesen will. Dazu gehören zum Beispiel Tolstois „Krieg und Frieden“ oder Meyers „Jürg Jenatsch“.

Vervollständigen Sie den Satz: „Lass uns zwischen den Regentropfen tanzen und…“.
wir fühlen uns frei.

Was tun Sie, wenn Sie nicht schreiben?
Ich arbeite, ich reise, ich treibe Sport, ich lese.

Wie finden Sie Ihre Geschichten?
Ich lasse mich von dem Ort / der Region inspirieren und bette die Geschichte dementsprechend ein. Die Geschichte muss sich quasi dem Ort des Geschehens anpassen, damit sie authentisch wirkt und in sich aufgehen kann. Die Idee zur Geschichte des zweiten Kriminalromans habe ich durch ein Gespräch mit einem Bekannten erhalten.

Wo finden Sie Ihr Glück?
Zu Hause, in der Heimat, mit meiner Familie.

Schreiben Sie ein Tagebuch?
Nein, ich fotografiere. Die Fotos erzählen mir viel über den jeweiligen Tag.

Und was möchten Sie uns sonst noch sagen?
Ich will in meinen Büchern mehr erzählen, als nur die Geschichte. Ich will der Leserschaft auch lokale/regionale Kultur und Geschichte und geografisch Interessantes näherbringen.

Mai 2017


Nachgefragt bei Angus Alasdair

Warum scheuen Sie so konsequent die Öffentlichkeit? Gehört zum Autorendasein nicht auch das Streben nach der Bekanntheit, vielleicht auch etwas Eitelkeit?

Tue ich nicht so konsequent und dies meint, ich verstecke mich nicht. Ich sehe nur keinen ausreichenden Sinn darin, eine eigene, geschweige denn eine massive personifizierte Präsenz in Medien anzustreben. Die Privatsphäre stellt nämlich in meinem persönlichen Wertesystem ein weitaus höheres Gut dar.
Das Autorenprinzip ist ohnehin eine relative Grösse, ein sekundäres Merkmal, das Werk bleibt bestenfalls und überlebt „seinen“ Menschen (oder eben nicht).
Die Bekanntheit würde ich mir also ausschliesslich für meine Bücher wünschen. Und Eitelkeit? Jedem das, was er/sie braucht. Mein Ego braucht weder zusätzliche Nahrung noch eine Abmagerungskur.

Was halten Sie von der Meinung, Angus Alasdair sei ein Pseudonym, hinter dem sich eine ganze Autorengruppe verbergen würde? Denn Ihr Archibald-Roman ist so vielfältig, so die Begründung, dass es mehrere Schöpfer bedürfen würde, um das minoische, altgriechische, altindische, keltische, baskische, slawische, nordische, jüdische, christliche, islamische, usw. Kultur- und Geschichtserbe unter ein angenehm lesbares literarisches Dach, also in einem Einzelbuch unterzubringen und in Bezug mit Europas Gegenwart um das Jahr 1900 zu stellen. Sind Sie also letztendlich nur ein Koordinator, eine Art (etwas wortkarger) Gruppensprecher?

Na ja, es hätte schlimmer kommen können. Wenn man mich beispielsweise als eine multiple, mehrfach gespaltene Person „entlarven“ würde, dann würde ggf. die Gefahr drohen, dass die Krankenversicherung meinen jährlichen Beitrag multipliziert, je nach dem, wie viele Menschenseelen in meiner Brust weilen sollten, so viel über Goethe.
Die Leute mögen einfach Spekulationen, das weiss übrigens der gute Archibald am besten.
Und – lieber etwas wortkarg bei Autoreninterviews und möglichst wortgewandt im literarischen Werk als umgekehrt, würde (nicht nur) ich meinen. Die Leser mögen gute Recherchen, das Einbringen der interessanten Aspekte des Kultur- und Geschichtserbes in die Handlung, dessen bin ich mir sicher. Natürlich, nur solange der Stoff sinnvoll und spannend aufgebaut, eben angenehm lesbar ist.

Da sich persönliche Fragen offensichtlich erübrigen, was weiss Ihr Romanheld, der gute Archibald eigentlich am besten?

Ein Suchender im Dienste der Wahrheit zu sein. Das ist nämlich sein Weg zur Sinn- bzw. Selbstfindung, ohne ein Moralapostel zu sein oder werden zu wollen. Denn er erahnt lediglich und immer mehr die enorme Vielschichtigkeit des Daseins, erkennt die Notwendigkeit, die Füsse wohl auf dem Boden zu lassen und zugleich den Kopf doch bis zu den Wolken und darüber hinaus zu erheben.
Er ist ein aufgeklärter Pragmatiker im Bereich der Kriminalistik und wird mit der Zeit immer offener für das Metaphysische. Er verlässt sich seitdem nicht mehr ausschliesslich auf den empirischen Imperativ der Analyse und sucht darüber hinaus nach der harmonischen Synthese verschiedener Reflexionsebenen der Wirklichkeit, die dem menschlichen Geist durchaus zugänglich sind.
Somit stellt er, wie es sich für jeden nüchtern denkenden Menschen stets gehört, die Mainstream-Diktatur seiner eigenen Zeit in Frage. Abschliessend, er ist ausgesprochen humorvoll, liebt die feine Ironie und ist sehr gut im Geniessen der irdischen Gaben, Güter und anderer Lebenssegen – Essen, Trinken, guter Tabak und das „schöne Geschlecht“.

Bevor dieser letzte Teilsatz einen selbstgefälligen, ja gar einen machistisch-hedonistischen Nachgeschmack hinterlässt, sollte man vorsichts- und wahrheitshalber anführen, dass die Frauen in Ihrem Archibald-Roman keineswegs auf den Gemeinplatz „schönes Geschlecht“ reduziert und herabgesetzt sind. Im Gegenteil, bei Archibalds längster und bedeutendster Reiseetappe z.B. drängt sich sogar das Gefühl auf, nicht er selbst, sondern eine Frau sei die wirkliche Heroine der Handlung. Wie kommt das, falls dieses Gefühl berechtigt ist?

Jedenfalls nicht, weil sich nun etwa „hinter dem Pseudonym Angus Alasdair eine Frau verbirgt“. Die numerische Mehrheit der Menschheit, also die Frauen, war wie bekannt Tausende von Jahren und in fast jeder Gesellschaftsordnung der Welt eine klassische „Minderheit“ im heutigen Sinne des Wortes – eine „minderwertige“ Randgruppe, die entrechtet und geknechtet, als Utensil behandelt und benutzt wurde, manchmal auch massiv als Biobrennstoff für Ödipus-überladene männlich-inquisitorische Scheiterhaufen dienen musste. Diesem historisch belegten „Ist-Zustand“ hat nach meinem Dafürhalten auch die sog. schöngeistige Literatur Rechnung zu tragen, sollte also diese aufgezwungene Opferrolle nicht einfach hinnehmen oder gar schönreden, sondern wirklichkeitsgemäss aufzeigen und entsprechend bewerten. Zudem ist das Heroische naturgemäss nicht geschlechtsspezifisch determiniert. Und ja, in dieser Episode ist in der Tat eine Frau die wirkliche Heroine der Handlung. Ich hoffe, dies war nun nicht allzu wortkarg?

Schimmert da vielleicht der Wunsch hindurch, eine Art „geschlechtsspezifischer Wiedergutmachung“ seitens der Männer anmahnen und vorantreiben zu wollen? Auch um den Preis, am Ende doch noch eine persönliche Frage zu stellen – Archibald ist kein Moralapostel, sagen Sie, ist aber Angus Alasdair einer?

Keineswegs und weil es die letzte Frage ist, so kommt auch die letzte Antwort zur eigenen Person: Angus Alasdair ist höchstens einer, der die Notwendigkeit erkennt, die Füsse auf dem Boden zu lassen und zugleich den Kopf bis zu den Wolken und darüber hinaus zu erheben.

Februar 2018


Nachgefragt bei Marc P. Sahli

Beschreiben Sie sich in drei Worten.

Offenherzig, wissbegierig, Geniesser.

Was bedeutet für Sie anständig zu sein?

Am Ende zählt nur, dass man „gut“ war. Gut im Sinne von gütig, altruistisch. Im Sinne von Homer Simpson, eine Zeichentrickserie, die ich sehr mag, aber auch: Ich möchte den Tag einfach ohne grössere Schäden überstehen, oder so ähnlich.

Gibt es verpasste Chancen in Ihrem Leben?

Weil man etwas verpasst hat, weiß man ja nicht ob dies eine Chance oder ein Verderben gewesen wäre…

Wenn Sie wählen könnten: In welchem Jahrhundert würden Sie gerne leben?

Ich bin mittlerweile ganz gern ein Bewohner des 20. und 21. Jahrhunderts. Ich kann ohne große gesellschaftliche Zwänge leben. Aber als Kind und Jugendlicher wollte ich gern zu Zeiten Johann Sebastian Bachs gelebt haben.

Seit wann und warum schreiben Sie und woher kommt die Inspiration?

Seit 1996. Aber eigentlich habe ich nie aufgehört Aufsätze zu schreiben. Zum warum möchte ich mit Peter Bichsel antworten: Weil ich es nicht kann. Und weil ich z.B. noch viel weniger Fußballspielen könnte. Zur Inspiration: Bereits zu Schultagen hatte ich ein weißes Blatt vor mir und wusste nicht, was schreiben… Ich suche das zutiefst Menschliche im kleinteiligen Alltag, den beiläufigen Begebenheiten, an den Rändern, im Schatten, in „Zämewüschete“
Alltagslärms, ja manchmal in der Stille.

Welches Buch hat Sie am meisten beeinflusst?

Ohne Frage „Ob die Granatbäume blühen“, das letzte Buch, ja Büchlein von Gerhard Meier, der Niederbipper, der letztes Jahr einhundert geworden wäre. Es ist eine Elegie übers Leben und Sterben, eine Hommage an seine Frau Dorli. Wenn ich die letzten Seiten lese, muss ich immer wieder heulen. Ich kann nichts dagegen tun.

Welches Sprichwort finden Sie am lustigsten?

Ach, da gibt es so viele und schöne. Ich kann mich nicht entscheiden, auch nicht zwischen den Sprachen.

Beruflich sind Sie sehr viel gereist. An welches Land erinnern Sie sich am liebsten?
Liebste Erinnerungen? Hm, das wäre glaub ich, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Denn überall wo ich war, war ich gern, gleich welches Klima, Sprache, Kultur. Ich habe mich immer unvoreingenommen auf alles eingelassen und aufgesaugt wie ein Schwamm.

Hat das Reisen Sie und Ihr Leben verändert?

Ja, sehr. Ich bin nicht mehr der Sahli, der ich mal war. Ja, es hat mich verändert; wenn es nicht so wäre, wären es vergeudete Jahre gewesen. Meine Persönlichkeit und auch meine Schreibe haben an Facetten dazu gewonnen.

Sie haben bis jetzt zwei Bücher mit Essays veröffentlicht. Dürfen wir uns auf einen Roman von Ihnen freuen?

Die Romanform ist nicht mein Ding, wohl eher eine größere Erzählung, hoffentlich länger als die sonst übliche eine bis zwei Seiten. Aber ich denke über ein Buch nach, mit Porträts verschiedener Mitmenschen, vielleicht aus Russland, wer weiß…

Juni 2018


Nachgefragt bei Lothar Olivet

Welche Frage sollte man Ihnen nicht stellen?

Das ist eine schwierige Frage für mich. Ich würde so antworten:
Ich bin eigentlich offen für jede Frage, ob Sie mir nun schmeckt oder nicht.

Sie sind nicht nur Autor und Maler, sondern auch Arzt. Wie heilt man ein gebrochenes Herz?

Indem man sich neu verliebt.

Was verstehen Sie unter einfachem Leben?

Ein einfaches Leben kommt für mich nicht in Frage. Das wäre viel zu eintönig.

Was bedeutet für Sie Freundschaft?

Wenn es regnet und stürmt nicht alleine nass zu werden.

Wann und wo schreiben Sie?

Überall und zu jeder Zeit.

Und wann und wo lesen Sie?

Siehe vorherige Antwort.

Sie haben zwei Romane geschrieben: einen Krimi und einen historischen Roman. Welche Ihren literarischen Figuren ging Ihnen besonders ans Herz?

David, in seiner Zerrissenheit zwischen dem eigenen künstlerischen Anspruch auf der einen Seite und der verführerischen Sucht nach Ruhm auf der anderen.
Marc, ein junger Arzt der darum kämpft, sich seine ärztlichen Identität, seinen Ethos, in einem vom brutalen Profidenken bestimmten enthumanisierten Krankenhaussystem zu bewahren.

Wo tanken Sie Kraft?

Indem ich jeden Morgen voller Dank die Augen öffne und das mir geschenkte Leben in vollen Zügen einatme.

Manchmal benötigt es ein besonderes Erlebnis, um eine Sache anzupacken. Wann ist es Ihnen das letzte Mal so ergangen?

Das brauche ich nicht. Das ganze Leben ist ein einzigartiges Ereignis, man muss es nur als solches betrachten. Ich muss nicht erst blind werden, um zu wissen was sehen bedeutet, lahm sein um das Gehen zu schätzen, taub werden um das Hören zu genießen…
Was ich damit sagen will ist: Nutze deine Sinne und das Leben überschüttet dich mit Ereignissen.

Seneca sagte: „Was du über dich selbst denkst, ist viel wichtiger als das, was andere über dich denken“. Stimmen Sie dem zu?

Was du über dich denkst ist wichtig, ebenso was die anderen über dich denken. Man sollte beides beachten, aber sich davor bewahren, beides zu überschätzen.

Juli 2018